Viele Kulturen gemeinsam am Mittagstisch - Was ist zu beachten?

Stand: 06/27/2018
Immer mehr Kinder aus verschiedenen Kulturen und Religionen werden in Kindertagesstätten oder bei Tagespflegepersonen betreut. Die gemeinsamen Mahlzeiten können dabei einen Beitrag zur Integration leisten und die Kulturen zusammenführen. Essen ist ein Grundbedürfnis, dem jeder nachgehen muss, das aber in den Kulturen der Welt sehr unterschiedlich praktiziert wird. In Europa ist es normal mit Messer und Gabel zu essen, aber ein Großteil der Weltbevölkerung isst mit den Händen. Auch die Mahlzeiten, die auf den Tisch kommen unterscheiden sich stark voneinander. Wenn man nur in Europa vergleicht, wird in Deutschland ausgiebig gefrühstückt, die Hauptmahlzeit zum Mittagessen eingenommen und am Abend eine Brotzeit gegessen. Im südlichen Europa hingegen wird nur sehr wenig gefrühstückt, ein kleines Mittagessen gegessen und abends die große Hauptmahlzeit verzehrt. Zur Esskultur gehört nicht nur was und wie gegessen wird, sondern auch mit wem, zu welcher Zeit, mit welchen Ritualen und wie es zubereitet wird. Essgewohnheiten können sehr unterschiedlich sein und das Thema kann sensibel sein, da alle Kulturen einbezogen werden wollen.

Durch den steigenden Anteil an Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund werden Kenntnisse über religiöse Speisevorschriften für die Verpflegungsverantwortlichen immer wichtiger. Im Islam, im Judentum, bei Buddhisten und auch im Christentum gibt es gewissen Vorschriften, die es einzuhalten gilt. Abhängig von der Glaubensgemeinde, den Eltern oder der eigenen Einstellung werden diese Vorschriften mehr oder weniger streng eingehalten. Die Speisevorschriften sind in den jeweiligen Schriftstücken der Religionen festgehalten, z.B. in der Bibel, im Koran, in der Thora.

Im Folgenden werden einige wichtige Speisevorschriften unterschiedlicher Religionen vorgestellt.

Christentum

Im Christentum gibt es im alltäglichen Leben wenige Speisevorschriften, die noch streng eingehalten werden. Es gibt keine absoluten Verbote spezieller Lebensmittel. Manche Christen essen kein Fleisch an Freitagen, in der Gemeinschaftsverpflegung wird dann oft Fisch angeboten. Am Aschermittwoch gibt es in vielen Gemeinden traditionell Hering. Vor Ostern wird eine 40-tägige Fastenzeit eingehalten, während der die Christen auf verschiedenste Dinge verzichten. Gefastet werden zum Beispiel Fleisch, Alkohol und Süßigkeiten, im digitalen Zeitalter wird aber auch immer öfter auf Internet, soziale Medien und Fernsehen verzichtet. Diese Fastenzeit ist sehr individuell und freiwillig, der Grundgedanke dabei ist der Verzicht an sich.

Judentum

Das Judentum hat die strengsten und genauesten Speisevorschriften, die sogar als Speisegesetze bezeichnet werden. Die Lebensmittel werden dabei eingeteilt in „koschere“, d.h. verzehrbare und „trefe“, nicht zum Verzehr erlaubte Lebensmittel. Außerdem wird unterschieden zwischen milchigen und fleischigen Lebensmitteln. Diese müssen immer getrennt voneinander und mit gewissem Zeitabstand verzehrt werden. Dies gilt nicht nur für die Zubereitung der Speisen, sondern auch für die Lagerung, den Verzehr und das Geschirr. Lebensmittel, die weder milchig noch fleischig sind, werden als „parve“ bezeichnet und können zusammen mit einer der beiden anderen Gruppen verzehrt werden. Rinder-, Geflügelfleisch und Fisch sind erlaubt, Schweinefleisch jedoch nicht. Beim Fleisch gilt es außerdem zu beachten, dass dieses bei einem speziellen Schlachtritual, dem Schächten, verarbeitet wird. Die Speisegesetze des Judentums in der Kita- und Schulverpflegung einzuhalten ist eine große Herausforderung. Es müssten unterschiedliche Töpfe und unterschiedliches Geschirr verwendet werden, man bräuchte praktisch eine eigene Küche für die koscheren Speisen.

Buddhismus

Im Buddhismus gibt es unterschiedliche Glaubensrichtungen mit eigenen Speisevorschriften. Buddhisten glauben an den ewigen Kreislauf der Wiedergeburt und leben das Prinzip der „Ahimsa“, der Gewaltlosigkeit gegenüber Lebewesen. Dementsprechend ist die buddhistische Ernährungsweise vegetarisch. Ein Buddhist dürfte nur Fleisch essen, wenn er der Schlachtung nicht beiwohnt und das Tier nicht explizit für ihn getötet wurde. Buddhisten können alle Arten von Getreide, Gemüse und Obst verzehren. Einzig Lebensmittel wie Zwiebeln, Schnittlauch, Knoblauch und Porree werden nicht verzehrt, zum Teil wird auch auf Eier verzichtet. Für die Kita- und Schulverpflegung empfiehlt es sich, die Eltern oder das Kind selbst einzubeziehen und den Bedarf abzuklären.

Hinduismus

Auch im Hinduismus gibt es keine Speisevorschriften, die die gesamte Glaubensgemeinschaft betreffen. Die Zugehörigkeit zur Kaste bestimmt, welche Lebensmittel verzehrt werden dürfen. Generell gilt, je niedriger die Kaste, umso mehr Lebensmittel dürfen verzehrt werden. Rindfleisch wird von keiner der Gruppen verzehrt. Die niedrigste Kaste darf auch als unrein oder minderwertig eingestufte Lebensmittel verzehren, darunter das Schweinefleisch. Zugehörige höherer Kasten ernähren sich eher vegetarisch. In der Kita- und Schulverpflegung muss hier individuell abgeklärt werden, an welche Vorgaben sich das Kind oder der Jugendliche halten soll.

Islam

Im Islam werden die Speisevorschriften eingehalten, um dem göttlichen Auftrag zu folgen. Wer die Regeln nicht einhält wird bestraft, wer sich daran hält wird im Jenseits belohnt. Deshalb ist die Einhaltung der religiösen Speisevorschriften für Muslime oftmals sehr wichtig. Im Fastenmonat Ramadan werden über den Tag weder Lebensmittel noch Wasser verzehrt. Nach Sonnenuntergang darf gegessen und getrunken werden. Kinder, Schwangere, Kranke und Reisende können vom Fasten befreit werden. Der Fastenmonat wird mit dem Zuckerfest, ein dreitägiges Fest des Fastenbrechens, beendet. Im Islam werden erlaubte Lebensmittel als „halal“ und verbotene Lebensmittel als „haram“ bezeichnet. Lebensmittel, die nicht explizit verboten sind, aber dennoch verpönt, werden als „makruh“ bezeichnet. Zu den Lebensmitteln, die halal sind, gehören pflanzliche Lebensmittel, Rind, Geflügel, Schaf und Ziege. Auch Produkte von halal-Tieren dürfen verzehrt werden. Dazu gehören Milch und Milchprodukte. Verboten sind Schweinefleisch und Produkte vom Schwein (auch Gelatine), nicht geschächtetes Fleisch, Blut und Alkohol. Hierbei muss generell auf die Zutaten der Produkte geachtet werden, da zum Beispiel in Gummibärchen oft Gelatine und in Obstsaft zum Teil Alkohol enthalten ist. Auch bei Milchprodukten gilt es auf die Zubereitung zu achten, da z.B. bei der Herstellung von Käse Lab verwendet wird, das eventuell nicht durch halal-konforme Schlachtung gewonnen wurde. In der Kitaverpflegung können diese Vorschriften gut eingehalten werden. Es darf kein Schweinefleisch angeboten werden und die Schlachtung sollte mit den Eltern thematisiert werden. Hier können oft Kompromisse gefunden werden.

Jede Kita sollte selbst entscheiden, welche Speisevorschriften eingehalten werden können, also welches Angebot gestellt werden kann. Muslimische Speiseregeln und auch Vorschriften von Buddhismus und Hinduismus können sicher ermöglicht werden. Geht es um jüdische Speisevorschriften, sollte unbedingt im Gespräch abgeklärt werden, was der Verpfleger leisten kann.

Die Begriffe „halal“ oder „koscher“ sind lebensmittelrechtlich nicht geschützt und es existiert eine Vielzahl an unterschiedlichen Siegeln. Diese Siegel können bei der Produktauswahl helfen, sind aber mit Vorsicht zu genießen. Am besten werden auch dabei die relevanten Personen einbezogen und mit ihnen die Vorgehensweise abgesprochen.

Das gemeinsame Mittagessen in der Kita kann einen Beitrag zur Inklusion leisten, dieser Beitrag ist aber immer abhängig von den Umsetzungsmöglichkeiten in der Einrichtung.

Weiterführende Informationen:

Giesenkamp, J.-E., Leicht-Eckardt, E., Nachtwey, T.: Inklusion durch Schulverpflegung. Wie die Berücksichtigung religiöser und ernährungsspezifischer Aspekte zur sozialen Inklusion im schulischen Alltag beitragen kann, Lit Verlag Dr. W. Hopf, Berlin 2013

Hochschule Osnabrück: Projekt Inklusion durch Schulverpflegung (Zugriff: 27.06.2018)

IN FORM: Multikulti in der Schulverpflegung, Wie lassen sich die Anforderungen sinnvoll umsetzen? (Zugriff: 27.06.2018)

Verbraucherzentrale Bundesverband e.V. (vzbv); Beitrag im Portal "Lebensmittelklarheit": Halal-Siegel: Einkaufshilfe für Muslime? (Zugriff: 27.06.2018)

Verbraucherzentrale NRW: Tipps für eine Verpflegung, die verschiedenen Esskulturen gerecht wird (Zugriff: 27.06.2018)

Giesenkamp/Leicht-Eckhardt: Inklusion durch Schulverpflegung (Zugriff: 31.10.2019)

Febe, S., Malerba, G.: So isst die Welt: Entdecke fremde Länder und was dort auf den Tisch kommt, Riva Verlag 2017



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