Streuobst - angepasste Lösungen sind gefragt

Im Frühjahr schneeweiß blühende Obstbäumeauf einer dicht mit Schlüsselblumen und Schaumkraut bestandenen Wiese. In der Sommerhitze Kühe, die unter großen, knorrigen Bäumen Schatten suchen, und Ferien, die am schönsten als „Mundräuber“ im Kirschbaum des Nachbarn sind. Im Herbst Körbe voller makelloser, in warmen Farbtönen leuchtender Äpfel, die im kühlen Keller auf Horden als Wintervorrat gelagert werden. Unvergessen im Winter die Bratäpfel aus dem Ofen. Perfekter kann das Bild einer Idylle kaum aussehen und doch ist es für den ein oder anderen reale Kindheitserinnerung.



Foto: Dr. J. Lorenz


Heute sucht man diese Bilder meist vergebens. Spezialisierung und Wachstum der Betriebe haben in vielen Regionen für Streuobst keinen Raum gelassen. Staatliche Zuschüsse in den 1960er und 70er Jahren beschleunigten die Rodung. Das Ziel der Zeit waren große Schläge und Effektivität. Neubaugebiete taten ihr übriges, weil gerade die ortsnahen Selbstversorgerflächen dem Dorfwachstum zum Opfer fielen.
Heute sieht man das Leben auf dem Land differenzierter. Heute sind Ökosysteme wichtig,Wechselwirkungen, Beziehungen, Habitate. Vereinzelt gewinnt man schon den Eindruck, dass Bewirtschafter als Störfaktoren in der Landschaft empfunden werden.

Machen wir uns bewusst, dass wir in den letzten Jahrhunderten vielfältige Kulturlandschaften geschaffen haben, die ohne das menschliche Wirken nicht vorhanden wären. Dass gerade durch die Nutzung Lebensräume entstanden sind, die es sonst nicht oder nur sehr vereinzelt gäbe. Neue Lebensräume werden immer auch besiedelt, weil sie Chancen bieten. Ist der Lebensraum geeignet, kann die Population dauerhaften Bestand haben, wenn das Habitat erhalten bleibt. Verändert sich die Nutzung, verändert sich das Habitat und damit auch die Artenzusammensetzung. Als Beispiele mit hoher ökologischer Bedeutung sind Weinbausteil- und -steilstlagen mit Trockenmauern oder aber Streuobstwiesen unstrittig. Beides jedoch Habitate, die ursprünglich künstlich und aus der wirtschaftlichen Nutzung von Landschaft entstanden sind. Heute gelten sie als Refugien für spezielle und oftmals seltene Arten, die ohne diesen Lebensraum bei uns nicht existieren könnten. Gerade durch die Nutzung bleibt der Lebensraum erhalten. Beides geht jedoch verloren, wenn die Nutzung und dadurch Pflege ausbleibt.

Zurzeit erleben wir in der öffentlichen Wahrnehmung eine Renaissance der Streuobstwiesen. Sie gelten als Hort der Artenvielfalt, als wahrer genetischer Hotspot. Streuobstflächen werden als wichtiges Landschaftselement und Trittsteine der Vernetzung definiert. Streuobstprodukte sind der Inbegriff von Regionalität und Natürlichkeit. Das ist gut und sinnvoll und kann dazu beitragen, das Streuobst in der Wertschätzung deutlich zu erhöhen.

Wir sehen in der Landschaft aber auch viele Altbestände, die ungepflegt und vergreist zusammenbrechen, und Neupflanzungen, die das fünfte Standjahr leider nicht erleben werden.
Die Gründe dafür mögen vielfältig sein und zahlreiche auch mit veränderten Lebensbedingungen zu tun haben. Wenn beispielsweise die Kinder wegen der Arbeitsstelle dauerhaft den Ort verlassen müssen, können sie die eigenen Bestände nicht pflegen. Und auch der auf Milchvieh spezialisierte Betrieb hat zunächst keine Nutzung für die Früchte der Streuobstbäume. Das sind soziale und wirtschaftliche Zwänge, die nicht wegdiskutiert werden können. Vielleicht aber gibt es junge zugezogene Familien, die Interesse an der Nutzung und an „eigenem“ Obst haben. Hier sind Lösungen gefragt und machbar.
Anders sieht es bei Neupflanzungen aus. Obstbäume in die Erde zu setzen und diese sich dann selbst zu überlassen, funktioniert nicht. Junge Streuobstflächen brauchen Pflege. Die Bäume müssen sich in den ersten Jahren etablieren, eine tragfähige Krone und ein stabiles Wurzelwerk bilden. Das geht nicht ohne Kulturmaßnahmen. Die Konkurrenz vom Unterwuchs ist zu minimieren, der Baum muss wachsen und benötigt dafür Nährstoffe. Hat er einen kritischen Punkt der Größe überschritten, ist er etabliert. Dann gelingt es dem Baum, durch Schattenwurf und Wasserentzug den Unterwuchs deutlich zu unterdrücken. Dann hat er eine Chance, das Alter von 80 oder mehr Jahren zu erreichen und seine volle ökologische Wertigkeit auszuspielen.

Auch hier wird klar: Obstbäume waren in früheren Jahren ein teures und wertvolles Gut, das man gepflegt hat, das man erhalten wollte und erhalten musste. Früchte, die oftmals eine wichtige Rolle in der Eigenversorgung der Familie hatten. Der Wert der Bäume wird auch deutlich durch frühere kommunale Vorschriften und Kontrollen. Diese haben bis in die 1950er Jahre Sanktionen wegen mangelnder Pflege der Bäume ermöglicht. Mistelbesatz wurde kontrolliert und die Beseitigung angeordnet. Durch gesellschaftliche Veränderungen fand auch hier ein Wertewandel statt. Obst findet man ganzjährig und günstig im Supermarkt. Warum dann noch eigene Äpfel und Birnen?
Streuobst ist gut für die Verarbeitung geeignet. Viele Produkte wären ohne die Früchte aus Streuobstbeständen fade und nichtssagend. Doch auch hier scheint das Obst kaum etwas wert, wenn man die Streuobstpreise der vergangenen Jahre betrachtet. Ohne Wert fehlt aber die Wertschätzung und damit die Pflege. Ansatzpunkte für eine erneute Wertsetzung von Streuobst sind sicher vielfältig und eventuell auch komplett neu zu denken. Alte Zeiten sind Vergangenheit. Sie lassen sich i. d. R. nicht zurückholen. Was heute zählt, ist der Blick nach vorne, ohne jedoch die Historie zu vergessen. Veränderte Rahmenbedingungen brauchen angepasste Lösungen. Die gilt es, im Streuobstbereich zu erarbeiten. Die einfachste Sache wäre sicher eine Erhöhung der Mostobstpreise durch gesteigerte Nachfrage.
Das kann beispielsweise durch hochwertige Produkte mit regionaler Identität geschehen. Das Produkt jedoch muss marktkonform und am besten (neudeutsch) hipp und trendy sein. Eine Positionierung kann gelingen, wie das Beispiel der Champagner Bratbirne von Jörg Geiger zeigt.

Streuobst ist komplex und vielfältig. Der Erhalt kann nur gesellschaftlich von vielen und vor allen Dingen unterschiedlichen Akteuren gestemmt werden. Hier gilt es, gemeinsam am Strick in eine Richtung zu ziehen. Dann bekommen wir die sprichwörtliche „Kuh vom Eis“. Ansätze dazu gibt es bundesweit.


Dr. Jürgen Lorenz, DLR Rheinpfalz,
Kompetenzzentrum Gartenbau, Rheinbach
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