Stand: 03/27/2018
Die Scheurebe feierte vor zwei Jahren ihren 100ten Geburtstag. In vielen Verkostungen, Fach-Symposien und mit dem 1. Internationalen Scheurebe-Preis legte die Weinbranche im Jahr 2016 einen Fokus auf die Neuzüchtung aus Alzey. Die Resonanz war groß. Scheurebe im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde. Hundert Jahre Scheurebe waren für Winzer, Sommeliers und Journalisten ein guter Grund sich mit der Aromasorte intensiver zu befassen. Was ist geblieben vom Feierjahr? Ist die Scheurebe nun im Aufwärtstrend oder macht sich Katerstimmung breit? Bernd Wechsler vom Kompetenzzentrum Weinmarkt & Weinmarketing in Oppenheim zieht eine Bilanz.



Entwicklung der Scheurebe-Rebfläche in Rheinland-Pfalz

Die weniger erfreuliche Nachricht gleich vorneweg: Die Scheurebe-Fläche in Rheinland-Pfalz sinkt. Daran hat auch der 100te Geburtstag nichts geändert. 2017 ist die bestockte Rebfläche um 1,5 % auf nunmehr 1.154 ha zurückgegangen. Allerdings hat sich das jährliche Flächenminus merklich abgeschwächt. Heute liegt Scheu auf Platz 8 der meist angebauten weißen Rebsorten in Rheinland-Pfalz. Eingerahmt wird sie in dieser Liste von zwei internationalen Klassikern, die sich seit Jahren im Aufwind befinden. Den Platz vor Scheu belegt der Chardonnay mit 1.621 ha (+ 5 % gg. Vj.). Und auf Platz 9 folgt die weiße Trendsorte der letzten Jahre, der Sauvignon blanc mit 854 ha (+20 %).

Rheinhessen ist und bleibt mit einer bestockten Rebfläche von 703 ha das größte Scheu-Anbaugebiet. In der Pfalz stehen 340 ha, an der Nahe 104 ha. Das sind im Vergleich zu den goldenen Scheurebe-Zeiten Mitte der Achtziger weniger als ein Drittel der Rebfläche. Es zeichnet sich aber ab, dass die Talsohle wohl erreicht ist.

Nur etwa ein Drittel der Erntemenge wird als "Scheurebe" vermarktet

Entscheidend für die Bedeutung einer Rebsorte ist neben der bestockten Rebfläche vor allem, wie sie am Markt wahrgenommen wird. Nicht jede im Anbau befindliche Rebsorte taucht auch namentlich auf dem Etikett auf. Rebsorten „verschwinden“ in Cuvees oder in anderen Erzeugnissen wie Sekt, Perlwein oder Traubensaft. Das ist auch bei der Scheurebe so. Vergleicht man die Weinmosternte mit der Qualitätsweinmenge, die im Folgejahr bei der Landwirtschaftskammer angestellt wird, so erhält man einen durchaus brauchbaren Gradmesser für die Attraktivität einer Sorte.

Weinmosternte und Qualitätsweinanstellung im Folgejahr

Die durchschnittliche Scheu-Ernte in Rheinland-Pfalz lag in den Jahren 2011 bis 2016 bei rund 100.000 hl. Im Schnitt wurde davon aber nur ein Drittel als Qualitätswein mit Rebsortenangabe „Scheurebe“ vermarktet. In der Pfalz liegt der Wert bei rund 45 % und damit deutlich über den 24 % in Rheinhessen. Da ist noch Luft nach oben. Nur zum Vergleich: Die Anstellungsquote von Ruländer liegt bei über 100 %. Mit anderen Worten, nahezu die komplette Erntemenge von Ruländer wird auch als Qualitätswein mit der Rebsortenangabe „Grauburgunder“ oder „Ruländer“ vermarktet. Ein deutlicher Hinweis auf die derzeit hohe Attraktivität der Burgunder.

Ein weiteres Indiz für die Nachfrageentwicklung einer Rebsorte sind natürlich die Fassweinpreise. Trotz der guten Entwicklung in den letzten beiden Jahren hat sich am Fassweinmarkt noch kein eigener Preis für Scheurebe gebildet. Scheu läuft auf dem Preisniveau von weißen Standardsorten, also Müller-Thurgau, Silvaner usw. Der Fassweinpreis beträgt aktuell 100 €/hl. Das ist bei anderen klassischen Aromasorten wie Sauvignon blanc oder Gewürztraminer anders. Für die werden derzeit mindestens 50 bis 70 € über den Standardsorten gezahlt. Ob sich an dieser Situation etwas ändert, hängt davon ab, wie sich die Nachfrage nach Scheurebe in den nächsten Jahren entwickelt. Ein Anfang ist gemacht, wie die Zahlen der Qualitätsweinprüfung der Landwirtschaftskammer Rheinland-Pfalz zeigen.



Scheurebe-Anstellungen von Kellereien nach Anbaugebieten

1 Million Liter mehr Scheurebe aus Rheinhessen im Jahr 2017

Mit dem Rückgang der Rebfläche in Rheinland-Pfalz ist über die Jahre auch die Anstellungsmenge von Scheurebe kontinuierlich gesunken. Waren es 1998 noch 80.515 hl, die geprüft wurden, erreichten die Anstellungen im Jahr 2014 den bislang niedrigsten Stand (28.819 hl). Die Trendwende kam dann im Jahr 2015 mit einem Anstieg um + 9 % gg. dem Vorjahr. Im Jubiläumsjahr 2016 lag der Zuwachs gar bei + 10 %. Doch der sprunghafte Anstieg in 2017 um über 1 Mio. hl auf 44.857 hl Scheurebe-Qualitätswein, stellt alles bisher da gewesene in den Schatten. Wenn es von einem Jahr zum nächsten solch große Sprünge bei der vermarkteten Menge gibt, sind immer Kellereien und Discounter beteiligt. So auch hier: Große deutsche Discounter nahmen letztes Jahr eine 2016er Scheurebe feinherb aus Rheinhessen in die Sonderaktion. Das ist die einfache Erklärung dafür, dass die Kellerei-Anstellungen von Scheurebe aus Rheinhessen von 8.165 hl (2016) auf 18,987 hl (2017) gestiegen sind. Kellereiweine aus der Pfalz und von der Nahe gingen hingegen leicht zurück.

Bei den Weingütern gibt es diese großen Mengensprünge von einem auf das nächste Jahr nicht. 2017 war die Anstellungsmenge (19.550 hl) im Vergleich zum Vorjahr recht stabil. Der 10-Jahres-Trend zeigt aber weiter nach oben.

Welche Geschmacksrichtungen sind bei Scheurebe angesagt?

Welche Geschmacksrichtungen sind bei Scheurebe angesagt? Die Stärken der Alzeyer Züchtung im restsüßen Geschmacksbereich sind hinlänglich bekannt. 60 % der gesamten Scheurebe-Anstellungen sind lieblich und süß. Beim Anteil des trockenen und halbtrockenen Ausbaustils gibt es deutliche Unterschiede zwischen Weingütern und den Kellereien. Trockene Scheurebe gibt es eigentlich nur bei Weingütern. Jede vierte Flasche Scheu von Flaschenwein Vermarktern ist trocken (Tendenz leicht steigend). Bei Kellereien sind das gerade mal 4 % der Anstellungen. Im Handel dominiert die feinherbe Geschmacksrichtung.

Fazit

Sicher haben die Veranstaltungen im Rahmen der 100-Jahr-Feier den ein oder anderen Einkäufer des Handels dazu inspiriert einen Versuch mit Scheurebe zu wagen. Eine Million Flaschen sind kein Pappenstiel. Von einem Scheurebe-Boom zu sprechen, wäre auch sicher verfrüht. Aber die Rebsorte ist im deutschen Lebensmittelhandel und bei den Discountern angekommen. Auch der 2017er Jahrgang wird wohl wieder in die Aktion im Discount kommen. Es wäre schön, wenn sich daraus eine dauerhafte Listung ergibt.

Bei den Winzern und Winzerinnen gibt es Scheurebe-Begeisterte, die über beachtliche Erfolge beim Verkauf der Weine im In- und Ausland berichten. Ein Selbstläufer ist die Rebsorte aber sicher nicht. Im Gegensatz zu Sauvignon blanc ist und bleibt Scheurebe noch sehr erklärungsbedürftig



Download: dwm_06_18_s12_13_Wechsler_Scheurebe.pdfdwm_06_18_s12_13_Wechsler_Scheurebe.pdf



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